Flow-Erlebnisse

Flow-Erlebnisse beim Musizieren

Der englische Begriff Flow kann auf Deutsch übersetzt werden mit „Fließen“ oder „Strömen“. In der Psychologie bezeichnet er den Zustand völliger Vertiefung und des restlosen Aufgehens in einer momentanen Tätigkeit, den wir Menschen als beglückend erleben.  

Die ersten Beobachtungen zu dem Phänomen stammen aus der Spieltheorie: Das spielende Kind, das vollständig in seinem Spiel aufgeht und dabei glückselig und ganz bei sich ist. Voraussetzung für diese Situation ist, dass die Schwierigkeit der Aufgabe das Kind weder überfordert noch unterfordert, sondern genau in dem Bereich liegt, wo das Kind sich den Anforderungen gewachsen fühlt – bestenfalls hat es sich die Aufgabe sogar selbst gestellt. Auf seine Aktivitäten erfolgen klare Rückmeldungen in Form von Belohnungen, die in der Tätigkeit selbst stecken, zum Beispiel indem der selbst gebaute Kaufmannsladen nun bespielt werden kann.

Der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi hat Flow-Phänomene bei Menschen in verschiedenen Lebensbereichen beobachtet und die Flow-Theorie auf die gesamte Spanne unseres Lebens ausgeweitet. Das „Entrücktsein vom aktuellen Tagesgeschehen“ erleben wir zum Beispiel in herausfordernden sportlichen oder handwerklichen Aktivitäten, bei der Lösung geistig anspruchsvoller Probleme und in kreativ gestaltenden Tätigkeiten. Jeweils gilt als Voraussetzung, dass es eine klare Zielsetzung gibt und dass wir uns voll auf das Tun konzentrieren können. Ohne Überforderung aber auch ohne Langeweile haben wir das Gefühl, die Tätigkeit zu beherrschen, und erleben diesen Zustand als beglückend und zeitentrückt.

Für die Musikerszene wurde das Flow-Erleben von dem Psychologen und Geiger Andreas Burzik beschrieben. Bei übenden Musikern im Flow-Zustand konnten besondere Hirnaktivitäten nachgewiesen werden, die ein Handeln im Zustand entspannter Wachheit, erhöhter Leistungsfähigkeit, erhöhter Lernfähigkeit und hoher Konzentration belegen. Im Flow arbeiten alle Hirnregionen optimal vernetzt, und das bedeutet eine erhöhte Durchlässigkeit des Gehirns für kreative Ideen. In solchen Situationen kommt es oft zur vermehrten Ausschüttung von körpereigenen Glückshormonen.

Ein weiterer Aspekt beim Musizieren im Flow-Zustand ist ein gewisser Kontrollverlust, zum Beispiel bei Jazzmusikern, die im Ensemble improvisieren. Gleichzeitig sind in diesem Zustand im Gehirn der Musiker diejenigen Regionen aktiviert und vernetzt, die für Selbstausdruck und Umsetzung kreativer Ideen bekannt sind. Bei strukturierten Tonleiterübungen ist die Hirnaktivität genau umgekehrt: Kognitive Kontrollfunktionen sind aktiviert, die Regionen für Selbstausdruck und Kreativität nicht.

Beim Musizieren mit anderen entsteht ein Gefühl, das in der Jugendmusikkultur oft als gemeinsamer „Groove“ beschrieben wird. „Im Groove sein“ ist einerseits Ausdruck für Übereinstimmung im Spiel mehrerer Musiker, andererseits die Bezeichnung für ein Glücksgefühl, das auch beim „mitgerissenen“ Publikum entstehen kann, wo Zuhörer zum Klatschen oder Tanzen animiert werden oder einfach den Fluss eines Musikstücks wahrnehmen.

Auch an Demenz erkrankte Menschen können einen Flow-Zustand erleben. Wenn die Schwierigkeit der Aufgabe genau im richtigen Verhältnis von Leistungsfähigkeit und Leistungsansporn liegt und sie sich diese Aufgabe vielleicht sogar selbst gestellt haben, kann man bei ihnen das völlige Versunkensein in die Tätigkeit beobachten. Nicht selten möchten demenziell veränderte Instrumentalschüler dieselbe Übung immer wieder wiederholen, um in dem beglückenden Gefühl des erfolgreichen Musizierens zu verbleiben. Vermutlich sind sie im Vergleich zu kognitiv gesunden Menschen sogar eher in der Lage, Kontrolle abzugeben, ganz im momentanen Spiel aufzugehen und Kreativität und Selbstausdruck in die Musik einfließen zu lassen.

Besonders bei Menschen in fortgeschrittenen Phasen von Demenz kann man beobachten, wie sie völlig in sich versunken Gitarrensaiten zupfen, auf einer Trommel improvisieren oder ein Glockenspiel oder hängendes Becken mit dem Schlegel in laute und leise Schwingungen versetzen. Wenn dann die Lehrkraft auf den „Groove“ eingeht und mit improvisiert, dann zeigt sich vielleicht in der Mimik der Person ein verträumtes Lächeln, und sie scheint nicht wieder aufhören zu wollen. Im Instrumentalunterricht mit demenziell veränderten Menschen ist das Erreichen eines Flow-Zustands ein zentrales Ziel, weil es ein momentanes Glücksgefühl auslösen kann, wie es die Menschen im Alltag kaum (mehr) erleben.

Publikationen zum Thema "Flow" finden Sie unter "Literatur"

Flow-Erlebnisse bei Sigrid Schmidt

17. Unterrichtsstunde

Das Kirchenlied Großer Gott, wir loben dich hat Anke Feierabend schon in früheren Stunden mit Sigrid Schmidt gespielt und dabei darauf vertraut, dass das Körpergedächtnis ihrer Schülerin aktiviert wird und sie die Saitenwechsel quasi automatisch ausführt (siehe: “Aktivierung des Körpergedächtnisses“)

Das funktioniert auch in der 17. Stunde, und hier scheint Frau Schmidt so ins eigene Spiel versunken zu sein, dass man von einem Flow-Erlebnis sprechen könnte. Die Nahaufnahme zeigt ihre Mimik: Sie schürzt konzentriert die Lippen und zieht die Augenbrauen hoch, als wäre sie von ihrem eigenen Klangausdruck überwältigt. Ihr Glücksgefühl äußert sie gleich nach erfolgreich beendetem Spiel in stolzen Worten, die ihre Überraschung zum Ausdruck bringen. Sie erlebt ihr eigenes Musizieren wie zum ersten Mal, obwohl sie die schwierige Stelle schon in früheren Stunden geschafft hatte. So ist es nachvollziehbar, dass sie das ausdrucksstarke Kirchenlied gleich noch einmal spielen möchte, um das beglückende Erleben des Flows zu wiederholen. Die Anweisung ihrer Lehrerin wirkt fast ein bisschen störend, denn Frau Schmidt spielt gleich weiter, will in ihrem eigenen Tempo und mit eigenem Plan musizieren, was oft als Voraussetzung für ein Flow-Erlebnis gilt.

Frau Feierabend unterstützt dann das Flow-Erlebnis ihrer Schülerin, indem sie deren Finger in die richtige Position drückt, bevor Frau Schmidt den nächsten Ton in der zweiten Lage suchen muss und er den Fluss der Melodie vermutlich unterbrochen würde. Diese körperlich bewegende Vermittlung mitten im Spiel ist ungewöhnlich und könnte von anderen Schülerinnen und Schülern vielleicht als übergriffig empfunden werden. Für Frau Schmidt ist es in dieser Situation hilfreich, um ihr Flow-Erlebnis aufrecht zu erhalten.

Im nächsten Durchgang zeigt die Nahaufnahme von Frau Schmidts Gesicht, dass diese wieder in ihr eigenes Spiel versunken ist. Sie ignoriert die Anweisung ihrer Lehrerin und spielt noch einmal die Vorübung zu Großer Gott, wir loben dich, bevor sie mit dem Lied beginnt.

Nach erfolgreich beendetem Spiel mit viel musikalischem Ausdruck stöhnt sie erleichtert und zeigt, dass es sie große Anstrengung gekostet hat. Ihre Reaktion „Ich bin auch super!“ auf das Lob ihrer Lehrerin kommt direkt und spontan. Die Wortwahl zeigt ihren Stolz, obwohl ihr Tonfall eher darauf hindeutet, dass sie eigentlich einen ironischen Kommentar abgeben will.

20. Unterrichtsstunde

Flow-Erlebnisse, bei denen ein Musiker sich entrückt von Zeit und Raum fühlt und Glücksmomente empfindet, können sogar bei einfachen Tonleiterübungen entstehen. Voraussetzung ist, dass die Anforderung an den Musiker oder die Musikerin nicht zu hoch ist, ihn oder sie aber auch nicht langweilt – im Idealfall setzt er oder sie sich die Aufgabe selbst.

In der 20. Unterrichtsstunde scheint Sigrid Schmidt gleich zu Beginn einen Flow zu erleben, als sie Tonleitern spielt. Im Filmbeispiel ist zu sehen, wie sie nur auf ihre Geige schaut und im Einklang mit ihrer Lehrerin kräftig und mit viel Bogen spielt. Als Frau Feierabend zu sprechen beginnt, wollte sie gerade weiterspielen und schaut erstaunt auf. Sie scheint es kaum erwarten zu können und beginnt als Erste wieder zu spielen. Frau Feierabends Anweisung, die Tonleiter jetzt bis zur Oktave zu spielen, scheint genau die passende Anforderung für sie zu sein, denn sie spielt kräftig, in sich versunken und schaut erneut fast verwundert, als sie die Stimme ihrer Lehrerin wieder hört. Ihre folgenden Aussagen sind unpassend und realitätsfern, sie scheint halluziniert zu haben (Beispiele für scheinbar unpassende, aber sinnhafte Aussagen finden Sie auf der Seite “Sinnige Äußerungen“). Das wäre aber für ein Flow-Erlebnis nicht ungewöhnlich und verdeutlicht, dass Frau Schmidt beim Musizieren der Wirklichkeit entrückt war. Vielleicht hatte sie das Gefühl, dass die Töne von alleine und ohne ihre bewusste Steuerung aus ihr heraus entstehen, oder sie könnte Szenen aus ihrer Erinnerung wieder erlebt haben. Frau Feierabend reagiert mit validierender Haltung und akzeptiert Frau Schmidts Beschreibung. Diese behält die Geige am Hals und drängt darauf weiterzuspielen.

Auch in einer späteren Situation scheint Sigrid Schmidt so versunken in ihr Spiel, dass sie selbst bestimmt, wie es weitergeht und Hänschen klein spielt anstatt Der Kuckuck und der Esel, wie es ihre Lehrerin angewiesen hat. Frau Feierabend reagiert sofort validierend, indem sie ihr eigenes Spiel an das der Schülerin anpasst, um deren Flow nicht zu unterbrechen. Sie erwähnt das Fehlverhalten mit keinem Wort, sondern bleibt in der Folge bei dem Lied Hänschen klein, weil es für ihre Schülerin jetzt gerade richtig und passend ist und Spielfreude auslöst.

22. Unterrichtsstunde

Auch beim Summen oder Zuhören scheint Sigrid Schmidt manchmal ein Flow-Erlebnis zu empfinden. Zu Beginn der 22. Stunde ist sie sehr still, wirkt manchmal abwesend und lässt sich von Ereignissen vor dem Fenster ablenken. Als Anke Feierabend das Lied An der Saale hellem Strande ankündigt und ihre Schülerin damit motivieren möchte, dass es ja eines ihrer Lieblingslieder ist, setzt Frau Schmidt sofort die Geige an den Hals und beginnt das Lied zu summen. Sie schaut dabei in die Ferne, wiegt den Oberkörper und tippt mit dem Bogen im Rhythmus des Liedes auf den Boden. Frau Feierabend lässt sie das ganze Lied bis zum Schluss summen, ohne zu unterbrechen oder mit eigenem Spiel den Kontakt aufzunehmen. Sie gibt ihrer Schülerin damit die Möglichkeit, ganz in ihrem eigenen Tun, das sie sich selbst gewählt hat, versunken zu sein. Nach dem letzten gesummten Ton nimmt Frau Schmidt Blickkontakt mit ihrer Lehrerin auf und erhält ein Lob für ihr Summen. „Ja, ich mag das gerne” antwortet sie in die friedliche Stimmung hinein, und nach ca. 25 Minuten Unterricht lächelt sie zum ersten Mal.

Das Spielen des Liedes bereitet ihr heute zu große Schwierigkeiten, als dass sie ein erfüllendes Erlebnis beim gemeinsamen Musizieren erreichen könnte. „Das ist alles anstrengend” murmelt sie schmunzelnd und schüttelt ihren Arm. Frau Feierabend  bestätigt das und spielt die schwierige Stelle mit dem Wechsel auf die A-Saite vor. Dabei beginnt Frau Schmidt wieder zu summen, nickt mit dem Kopf und putzt ihre Geige. Die Lehrerin schaut ihre Schülerin aufmerksam an und spielt dann das Lied weiter bis zum Ende in einem langsamen Tempo. Das Hören des gut gespielten Liedes in Kombination mit dem eigenen Summen und der Berührung des Instruments scheinen jetzt genau die passenden Anforderungen für Sigrid Schmidt zu sein, um ein beglückendes Flow-Erlebnis zu erreichen. Und zumindest im ersten Teil des Liedes kann sie dieses Erlebnis dann auch beim eigenen Spiel aufrechterhalten.

Zusammenfassung

An Demenz erkrankte Menschen können beim Musizieren Flow-Erlebnisse haben, wenn die Leistungsanforderung genau zu ihrer momentanen Fähigkeit und Bereitschaft passt und sie die Aufgabe idealerweise selbst gewählt haben. Anders als so oft im Alltag erleben sie dabei Selbstbestimmung und Glück und spüren ihre Persönlichkeit. Der Instrumentalunterricht mit demenziell veränderten Menschen sollte solche Situationen ermöglichen, zum Beispiel, indem die Schülerinnen und Schüler ihr eigenes Tempo bestimmen können und spontan gespielte Lieder wie selbstverständlich übernommen werden. Realitätsferne Aussagen sollten ebenfalls validierend akzeptiert werden, da auch Halluzinationen für die demenzerkrankte Person wirklich sind.

Beim Violinunterricht kann es manchmal sinnvoll sein, dass die Lehrkraft ins Spiel des Schülers oder der Schülerin eingreift und die Finger in die richtige Position drückt, bevor der Fehler passiert. So werden der Fluss der Melodie und das Flow-Erlebnis aufrechterhalten.

Oder die Lehrkraft stellt das Musizieren auf dem Instrument vorübergehend in den Hintergrund und lässt zu, dass der Schüler oder die Schülerin beim Zuhören, Summen, bei rhythmischen Bewegungen o. Ä. einen beglückenden Flow-Zustand erreicht. Denn Zufriedenheit und Glück sind die wichtigsten Ziele im Instrumentalunterricht mit demenziell veränderten Menschen.